Eine Tierhaltung, die ohne "Kupieren" auskommt

Manche Schweine, Hühner und Puten, die im Stall unter Stress geraten, beginnen damit, andere Tiere zu schädigen. Bei Schweinen kann es passieren, dass sie ihren Artgenossen die Schwänze abbeißen. Manches Geflügel pickt sich untereinander die Federn aus. Die Ursachen dafür sind vielfältig und nicht immer zu beeinflussen. Um Verletzungen der Tiere untereinander zu verhindern, werden die Schwänze der Ferkel gekürzt, im Fachjargon heißt das kupieren – dieser Eingriff erfolgt ohne Betäubung. Das Gleiche geschieht mit den Oberschnäbeln der Vögel. Ziel der Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist ein Verzicht auf das Kupieren. Künftig soll die Nutztierhaltung in Deutschland so gestaltet werden, dass diese Maßnahmen nicht mehr durchgeführt werden müssen.

Was ist konkret geplant?

Mit den Vertretern der Wirtschaft werden freiwillige Vereinbarungen mit verpflichtenden Zeitvorgaben erarbeitet. Die Vereinbarungen beinhalten Maßnahmen, durch die sich die beschriebenen Eingriffe an den Tieren vermeiden lassen. Solche Maßnahmen können Veränderungen in der Tierhaltung sein, beispielsweise eine veränderte Fütterung, mehr Beschäftigung oder eine Strukturierung der Lebensräume. Sie werden flankiert durch eine Beratung der Landwirte und Landwirtinnen, durch Forschung oder Informationsaustausch zwischen den Landwirten.

Was ist bisher passiert?

Am weitesten sind das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und die Wirtschaftsbeteiligten bislang beim Geflügel: Anfang Juli 2015 haben das Bundeslandwirtschaftsministerium und die Geflügelwirtschaft den Ausstieg aus dem routinemäßigen Schnabelkürzen bei Legehennen und Mastputen besiegelt. Die Geflügelwirtschaft kürzt seit dem 1. August 2016 bei Legehennen keine Schnäbel mehr und verzichtet ab dem 1. Januar 2017 vollständig auf den Ankauf von Junghennen mit gekürzten Schnäbeln. Seit Sommer 2018 stammen demnach Eier mit Herkunft aus Deutschland grundsätzlich nur noch von Legehennen mit unkupierten Schnäbeln.

In den 2014 eingeführten Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz wurde auf teilnehmenden Schweinebetrieben ausprobiert, wie die Haltungsbedingungen in der Scheinehaltung verbessert werden können, damit es nicht zu Schwanzbeißen kommt. Unterschwellige Krankheiten der Tiere, ein nicht angemessenes Stallklima, falsches oder fehlendes Beschäftigungsmaterial, die Art der Versorgung mit Wasser und Futter sowie der Platz, den jedes Tier für sich hat – all diese Faktoren können das Schwanzbeißen befördern. Im Zeitraum von Juni 2015 bis November 2018 nahmen zehn und im Zeitraum von Juli 2018 bis Juni 2020 nahmen weitere elf landwirtschaftliche Betriebe an den MuD Tierschutz teil.

Wie geht es weiter?

Das BMEL fördert weitere Forschung, um noch mehr Erkenntnisse zu gewinnen, welche Faktoren das Schwanzbeißen auslösen. Innerhalb der MuD Tierschutz erhalten landwirtschaftliche Betriebe Fördermittel, um weitere Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis zu übertragen. Daneben werden Landwirte und Landwirtinnen beraten und beim Ausstieg aus dem Schwänzekupieren wissenschaftlich begleitet. Der Erfahrungsaustausch zwischen den Landwirten wird unterstützt. Ziel ist es, dass die Ställe besser an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden, damit die Tiere künftig nicht mehr durch entsprechende Eingriffe manipuliert werden müssen.

Die amtlichen Kontrollen sollen verbessert werden, dazu sollen unter anderem messbare Kriterien entwickelt werden, nach denen die Unerlässlichkeit des Kupierens geprüft werden kann. Die Veterinärbescheinigungen, die die Unerlässlichkeit des Kupierens für einen Betrieb bestätigen, sollen zukünftig von den zuständigen Behörden auf Plausibilität überprüft werden.

Für die Einführung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens ist bei den Kriterien für die Schweinehaltung ein Verbot des Schwänzekupierens ab der Stufe zwei vorgesehen.